Liebe Schwestern und Brüder in Coburg Stadt und Land und darüber hinaus!

“Weihnachten mal anders”: das könnte in anderen Zeiten ein Werbeslogan sein.
Heuer steht diese Wendung für die Realität der Corona-Pandemie, die nicht nur im Privaten zu Veränderung in der Feier von Weihnachten geführt hat, sondern auch die weitgehende Absage der Gottesdienste in Coburg Stadt und Land zur Folge hatte.

Weihnachten konnte scheinbar trotz aller Bemühungen nicht ‘gerettet’ werden.
Dabei vergessen wir aber: Weihnachten kann und braucht von uns gar nicht gerettet zu werden; vielmehr heißt es im Weihnachtsevangelium: “Heute ist euch der Retter geboren!”

Dabei überspannt dieses ‘Heute’ Raum und Zeit und fordert uns auf, unser ‘Heute’ des Jahres 2020 mit jenem ‘Heute’ von damals zu verbinden. So spricht das Evangelium neu zu uns und durchbricht das “Alle Jahre wieder”.

Lesen wir das Weihnachtsevangelium also ganz bewusst als Menschen, die auf das Jahr 2020 zurückblicken und sich nach einem besseren 2021 sehnen.

So fern und doch so nah

Da ist von Kaiser Augustus die Rede. Im Weihnachtsevangelium hat er verschiedene Dimensionen. Eine davon möchte ich herausgreifen.

Kaiser Augustus steht für die Staatsmacht Rom, die damals weite Teile der bekannten Welt erobert hatte, so auch Palästina, die Heimat Jesu. Der Kaiser selbst ist zwar weit weg – aber er ist doch omnipräsent und ganz nah, nicht nur durch seinen Statthalter Quirinius, den das Evangelium nennt, sondern auch durch die römischen Soldaten um die Ecke: Das eigene Land ist besetztes Land.

Da drängen sich Parallelen zur Corona-Pandemie förmlich auf: Auch Corona scheint weit weg zu sein. Es ist ein Bruchteil der Bevölkerung unseres Landes und weltweit, das unmittelbar von Corona betroffen ist.

Doch Corona ist gleichzeitig ganz nahe. Ich kenne leider mehr Menschen persönlich als mir lieb ist, die von Corona direkt betroffen sind: Verwandte, Freunde, Mitarbeitende. Auch Kindertagesstätten in kirchlicher Trägerschaft in Coburg Stadt und Land waren und sind betroffen.

Eine Verwandte von mir, die es in der ersten Welle traf, hat bis heute ihren Geschmacks- und Geruchssinn nicht zurück. Der Vater eines Mitbruders ist an Corona verstorben. Und selbst wenn es “nur” Quarantäne war, die jemanden ereilt hat – auch das war eine ganze eigene Herausforderung.

Corona ist eine Wirklichkeit geworden, die unser alltägliches Leben bestimmt und einschränkt – eine gewisse Analogie zu den das Land besetzenden Römern damals zur Zeit Jesu. Es kann lange friedlich sein – man kann verdrängen und leugnen –, doch auf einmal schlägt Corona auch bei einem selber zu.

Lästige Listen

Und dann sind da die Steuerlisten: Äußerer Anlass für das Paar Josef und Maria, nach Betlehem zu gehen, ist ja die Anweisung des Kaisers, sich in der Heimat in Steuerlisten einzutragen.

Das Eintragen in Listen ist uns im Jahr 2020 nur zu gut vertraut. Ob es nun das Gasthaus ist, oder auch die Gottesdienste: an vielen Stellen wurden wir aufgefordert, uns in Listen einzutragen. Stets natürlich in der Hoffnung, dass diese Listen niemand braucht, weil es keine Ansteckung gab – aber sie wären im Fall des Falles eine wichtige Hilfe gewesen, um das Infektionsgeschehen weiter einzudämmen.

Ein weiterer Punkt, der heuer etwas anders klingt als sonst: Josef und Maria mussten nach Betlehem, weil – so die biblische Tradition – die Familie Josefs aus aus Betlehem stammt, dort ihre Heimat hat. Menschen im Jahr 2020, die ein Anrecht auf die staatlich finanzierten FFP2-Masken haben, wurden aufgefordert, in ihre heimischen Apotheken zu gehen, um sich dort die Masken zu besorgen.

Sicher wird man zwischen den Listen damals und heute mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten feststellen, aber die Sache mit den Listen lässt das Weihnachtsevangelium doch nochmal anders, ja fast vertrauter Klingen als sonst.

Weihnachten – Hochfest der Improvisation

Als Josef und Maria dann endlich in Betlehem ankommen, finden sie keinen Platz in einer Herberge. Improvisation ist angesagt: wenn kein Bett im Hotel, dann eben die Krippe im Stall. Weihnachten: Hochfest der Improvisation.

Nichts ist von Hysterie zu lesen, nichts von Verzweiflung und “Kopf in den Sand”; vielmehr stellt man sich ganz unaufgeregt den Realitäten, man geht mit ihnen um – und was vordergründig wie eine Notlösung aussieht, ist doch theologische Aussage: Das Kind in der Futterkrippe ist Gottes Gabe zum Leben für die Welt.

Frappierend sind die Ähnlichkeiten in der Schilderung später zur Grablegung: nach dem Tod am Kreuz wickeln sie ihn in Leinenbinden und legen Jesus in ein Grab. Das geistige Auge sieht zweimal den gleichen Vorgang, einmal am Anfang, einmal am Ende des irdischen Lebens dieses Jesus von Nazareth, den wir als Gottessohn, als Herrn und Retter bekennen.
Die Futterkrippe von Weihnachten ist das Interpretament für das Letzte Abendmahl bzw. die Eucharistie, den Tod Jesu am Kreuz und die Auferstehung Jesu: Ja, in Christus ist wirklich der Retter geboren, ist uns Gottes Leben geschenkt, das auch der Tod nicht nehmen kann: Christus, Gabe Gottes für das Leben der Welt.

Im diesem Jahr 2020 sind wir gerade rund um Weihnachten zur Improvisation gezwungen worden. Noch vor wenigen Wochen waren wir davon ausgegangen, Weihnachten nur mit den bereits seit längerem bekannten Einschränkung feiern zu können.

Und sogar, als das Gesangsverbot und die nächtliche Ausgangssperre auch Weihnachten kamen, konnten wir uns ganz gut anpassen. Doch die neuerlichen Entwicklungen der Zahlen in Verbindung mit den Allgemeinverfügungen für Landkreis und Stadt Coburg haben dann nochmal die Sicht auf Weihnachten verändert. Wieder war Improvisation gefragt; und ich bin allen sehr dankbar, die sich hier mit eingebracht haben; viel ist in kürzester Zeit im ganzen Seelsorgebereich entstanden, und wir haben es selbst in so kurzer Zeit geschafft, erfolgreich aus St. Augustin streamen zu können.

Ja, das ist ein Notbehelf; aber es ist auch ein Signal: Weihnachten fällt nicht aus. Es ist aber eben anders. Wir können Weihnachten zuhause feiern, in und durch Christus sind wir verbunden. Er ist präsent hier in St. Augustin, in den anderen Kirchen, zuhause in den Wohnungen und Häusern: überall gilt das Hier und Jetzt der heilenden und rettenden Präsenz des Gottessohnes, der dazu für uns geboren wurde und für uns gestorben und auferstanden ist.

Das ist auch der Grund, warum ich die Wendung “Präsenzgottesdienste fallen aus” ablehne. Als ob Sie, die über Internet mitfeiern, nicht auch präsent wären; mir persönlich sind in dieser Stunde viele Menschen sehr präsent; und vor allem ist eben Christus präsent. Auch dieser Gottesdienst ist ein Handeln Christi in und an seiner Gemeinde, so verstreut sie in dieser Nacht auch sein mag: Er ist uns allen präsent.

Aber noch einmal zum Gedanken der Improvisation. Wenn wir gelungen improvisieren wollen, dann sind wir genötigt, neu zu denken. Dazu ist es notwendig, dass wir neu zum Kern einer Sache, eines Geschehens, einer Glaubensaussage vorstoßen; dass wir sie gedanklich durchdringen, um neu zu begreifen, was Inhalt, Sinn, Ziel und Zweck ist – um von dort her, vom Zentrum aus, neu zu handeln und zu gestalten. Da spielen auch Realitäten eine Rolle; Realitäten, denen wir uns stellen müssen, ob sie uns nun passen oder nicht. Damit verbinden sich aber auch Chancen. Vor allem die Chance, aus dem “Alle Jahre wieder” auszubrechen.

Im Kollegenkreis der Leitenden Pfarrer haben wir viel über diesen Gedanken nachgedacht. Vieles war in 2020 nicht in gewohnter Weise möglich: keine normalen Erstkommunionen, keine Firmung “alle Jahre wieder”. Aber wir wurden diesmal wenigstens auch nicht ganz so enttäuscht vom “alle Jahre wieder alles für die Katz”, wenn Erstkommunionfamilien und Firmlinge nach dem großen Festtag in der Versenkung verschwinden. Es braucht auch hier den Ausbruch aus dem “Alle Jahre wieder”, denn das trägt uns – wenn wir wirklich ehrlich sind – schon seit Jahren nicht mehr.

Vielleicht haben Sie im Kreuz&Quer, dem Magazin unseres Seelsorgebereiches, den Artikel von Gemeindereferentin Christine Schweda gelesen zum Thema Erstkommunionvorbereitung. Gerade entsteht da ein neues Konzept; das begrüße ich sehr, weil ich schon seit Jahren in neue Richtungen aufbrechen möchte, die der Realität von Familien im 21. Jahrhundert gerechter werden als das Althergebrachte. Zugleich gilt es aber auch, unseren Glauben wirklich ernst nehmen und das uns Heilige nicht zu verschleudern. Dazu mahnen schon die ersten Kirchenordnungen, die wir kennen.

Vieles wird dabei auch den Charakter des Improvisierens und des Experimentellen haben. Aber gerade davon lesen wir immer wieder in der Heiligen Schrift Alten wie Neuen Testamentes; wir lesen vom herausfordernden Gott, der auf unbekannte Wege führt und gerade auf ihnen eine bisher unvorstellbare Zukunft eröffnet.

Wer hätte gedacht, dass aus der kleinen Schar der Jesusanhänger eine weltumspannende Religionsgemeinschaft werden würde. Die vielen, teils auch widersprüchlichen Ansätze, die wir im Neuen Testament lesen dürfen, zeugen von Improvisation und dem Wagnis, neue Wege zu gehen – im Vertrauen auf den Geist Gottes, der helfen wird, richtige Wege zu finden.

Die Guten Hirten halten Nachtwache

Und da sind wir bei den Hirten im Weihnachtsevangelium. Meist werden sie als einfache, arme Menschen charakterisiert, mit dem Gedanken, dass Jesus sich ja vor allem den einfachen Menschen, den Ausgegrenzten und Geringen zugewandt hat. Das ist natürlich nicht falsch. Aber es ist zu einseitig und verkürzend.

Schon die Futterkrippe wird oft mit einer ärmlichen Geburt in Verbindung gebracht. Doch Jesus wird in eine Krippe gelegt, nicht weil sich Josef und Maria eine Herberge nicht leisten konnten, sondern weil in der Herberge kein Platz für sie war. Die Krippe im Weihnachtsevangelium ist eine theologische, keine soziologische Aussage.

Auch die Hirten haben eine mehrfache Dimension: Wir alle kennen das Gleichnis Jesus vom verlorenen Schaf, das der Hirte zur Herde zurückbringt; wir kennen den Psalm vom Guten Hirten; wir wissen, dass der treu sorgende Hirte ein biblisches Idealbild für jede Herrschaft ist; denn der Gute Hirte ist das Bild für die liebende Fürsorge des Schöpfers für seine Schöpfung.

In diese Tradition sind auch die Hirten im Weihnachtsevangelium einzuordnen. König David wurde einst in Betlehem vom Hirtenfeld weg zum König gesalbt. Jesus, der den Hoheitstitel Davidssohn bekommen wird, wird als erstes von Hirten besucht: Das weist auf die Rolle dessen hin, der da geboren worden ist.

Die Hirten des Weihnachtsevangeliums werden als Gute Hirten charakterisiert: sie halten Nachtwache bei ihrer Herde, heißt es. Sie schlafen nicht, obwohl es Schlafenszeit wäre, sie haben ein fürsorgliches Auge für die Schafe, für die sie verantwortlich sind.

Das Thema des Wachens taucht oft im Neuen Testament auf, gerade wenn es um die Wiederkunft Jesu am Ende der Tage geht: immer ist von Wachsamkeit die Rede. So sollt ihr sein: wie die Hirten im Weihnachtsevangelium: Wachend, bereit für die Ankunft des Herrn, und dabei selber Gute Hirten sein für die euch anvertrauten Menschen.

Auch das können wir in dieses Jahr 2020 und die Corona-Pandemie übertragen: Wachen Auges sich den Herausforderungen dieser Zeit stellen. Ein Auge haben für die Nöte der Menschen; kreativ sein; improvisieren, wenn es darum geht, Kontakt zu halten, da zu sein füreinander. Und bei alledem als Menschen erkennbar sein, die eine Hoffnung haben – über Krankheit und Tod hinaus; Menschen, die auf die Wiederkunft des Herrn hoffen und von dieser Hoffnung her ihr Leben gestalten, gegen und inmitten aller Widrigkeiten des Lebens.

Gerade wenn wir uns frei machen von einem erdrückenden und unbiblischen weihnachtlichen Idyll, wenn wir erkennen, wie viel Bedrückendes und wie viel Improvisation im Weihnachtsevangelium steckt, kann die Frohbotschaft auch uns im Jahr 2020 erreichen, kann sie uns zu neuen Menschen machen: “Heute ist euch der Retter geboren!”

Amen.